"Wo früher Hanseschiffe entladen wurden, finden Sie heute einladende Cafés direkt am Wasser. Gleich nebenan verlocken kleine Läden in den Altstadtgassen zum entspannten Bummeln." Mit diesen Worten beginnt Stades Tourismus-Seite im Internet. Was das Marketing verschweigt: die Wasserfläche des angepriesenen Hafenbereichs hat etwa die Größe eines Stadtpark-Teichs und ist für Schiffe nicht mehr zugänglich. Und in den Gassen sehen wir auch leerstehende Geschäftsräume. Hmm, lohnt sind da überhaupt ein Besuch?

Unser Stellplatz: Das Auto im Schatten und viel Platz an der Sonne für die Solartasche

Eindeutig ja! Der Reiz der (ehemaligen) Hansestadt am oberen Ende des alten Landes offenbart sich allerdings erst auf den zweiten Blick. Der erste Pluspunkt ist jedoch der gut ausgestattete Wohnmobilstellplatz knappe 10 Minuten Fußweg von der Altstadt entfernt: 22 € pro Nacht mit Sanitäranlage (Start-/Stop-Dusche für 1€/3 Minuten). Wir haben noch dazu einen der besten Schattenplätze erwischt und sind damit gut vorbereitet für die heißen Tage die da kommen.

Der 1977 von Soldaten der Bundeswehr rekonstruierte (Tret-)Kran

Unser erster Spaziergang führt dann zur Hauptattraktion der Stader Altstadt: dem alten Hafen. Ein Wikipedia-Autor   schreibt dazu:  "Auf der Südwestseite am Fischmarkt steht der Alte Kran, der 1977 nach Lüneburger Vorbild rekonstruiert wurde – allerdings ohne die Mechanik im Innern. Der ursprüngliche Tretkran zum Be- und Entladen der Ewer   war 1898 abgerissen worden. Seit 1968 ist der Hansehafen zwar nicht mehr schiffbar, hat sich aber wegen seines pittoresken Charmes zum Tourismusmagnet entwickelt. So werden die historischen Kaimauern heute vorwiegend gastronomisch genutzt, insbesondere während des Sommerhalbjahres."

Sieht doch gut aus – wenn man den Pulk Sonnenschirme hinter sich läßt

Ähh, was haben wir gerade nochmal? Ach ja, Sommer – die vielen aufgeklappten Sonnenschirme rund um das halbe Hafenbecken setzen der Charmeoffensive  doch klare Grenzen. Da hilft auch der dekorativ ins Bild gesetzte Ewer Willi   an der Kaimauer nur wenig. Klar, bei so vielen intakten Fachwerkhäusern und der Geschichte kommt wohl keine Stadt an der Vermarktung ihrer Vergangenheit vorbei, aber wenn wir das Gefühl haben, dass diese nur als Kulisse dient für Gastronomie oder den Verkauf des üblichen Touristenbedarfs und es kaum Neues zu erfahren gibt, dann sind wir auch schnell wieder weg. Okay, soviel zum ersten Eindruck. Wir bleiben, denn ...

Die Prunkpforte im Freilichtmuseum

Die Prunkpforten oder auch "Altländer Pforten" bilden den Hofeingang zu großen Bauernhöfen und repräsentieren den Wohlstand des Besitzers.

In der Mitte der meist rundgebogenen Wagendurchfahrt hängt oft eine große Traube als Fruchtbarkeitssymbol. An den Seiten wachen [!] zwei geschnitzte Löwenköpfe über jeden Eindringling. Neben der Wagendurchfahrt ist ein kleinerer Durchgang, die Leutepforte, angelegt. 

Die weiß gestrichene Prunkpforte zieren oft farbige Motive und Holzschnitzerieren sowie lateinische Sprüche*. Da die Pforten den modernen landwirtschaftlichen Geräte schon seit Jahrzehnten in Höhe und Breite nicht mehr entsprechen, sind nur noch wenige Exemplare erhalten geblieben.

Quelle: Informationstafel vor der Pforte

* Der hier hat mir besonders gefallen: "Quidquid agis, prudenter agas et respice finem." – Was immer du tust, handle klug und bedenke das Ende.

Auf der Museumsinsel: Das ist doch mal ein schmuckvolles Bauernhaus

... auf unserem weiteren Weg kommen wir an eine Holzbrücke über den Burggraben, der fast die gesamte Altstadt umschließt. Das alte Bauernhaus mit dem schmuckvollen Giebel auf der anderen Seite macht uns neugierig und – da am Übergang keinerlei Zugangsbeschränkungen zu sehen sind – überqueren wir neugierig den Graben und finden neben dem Bauernhaus unter anderem eine Bockwindmühle, ein prachtvolles Eingangstor, ein Backhaus  und einen kleinen Mann aus Bronze.

Wir befinden uns auf einer Insel, die seit 1912 ein Freilichtmuseum   ist. Das Bauernhaus kann man gegen ein geringes Entgeld besichtigen, aber als wir erfahren, dass am kommenden Sonntag gegen Aufpreis eine Führung angeboten wird, entscheiden wir uns dafür. Wer dafür kein Geld ausgeben möchte, findet aber auch auf den in der Gegend verstreuten Tafeln interessante Infohappen.

"Einfach muß es sein, damit es schnell geht." 

Ja und dann sind da noch unsere Radtouren zur Festung Grauerort und zur Kaffeeklappe, das sehenswerte Stadtmuseum, eine genauere Begutachtung der Fachwerkhäuser sowie einige charmante Ecken zum Verweilen, mit denen Stade uns endgültig für sich einnimmt. Aber mal der Reihe nach:

Radtour zur Festung

Der 1.300 Kilometer lange Elberadweg führt durch Stade und wir radeln ihn 10 Kilometer flussabwärts bis zur Festung Grauerort  . Dort soll sich ein weiterer Wohnmobilstellplatz befinden, ein Badestrand und ... ja, eine Festung aus der Zeit als die Herrschaft der Preußen hier begann (ab 1866).

Stellplatz in der Festung – das solide Eingangstor passt dazu

Als wir dort ankommen, fahren wir erst durch ein kleines Wäldchen zum Stellplatz und stoppen vor einer soliden Absperrung. Hmm, sieht nicht sehr einladend aus. Zurück am Eingang der Festung stoppt uns ein Kassierer. Wie immer fragen wir uns: "Lohnt sich das?". Egal, da wird es ja wohl Gastronomie mit Sitzplätzen für eine kleine Rast geben. Wir zahlen jeder 3 €, schreiten durch den Tunnel und stellen unsere Fahrräder vor dem einfachen Café ab.

Einen professionellen Eindruck macht das alles nicht – kann es aber auch nicht, denn Museum und Café werden von Ehrenamtlern des Fördervereins „Festung Grauerort e.V.“ betrieben. Uns gefällt das. Und die von der Wirtin selbst gebackene Erdbeer-Windbeutel-Torte ist einmalig gut. Auf unsere Frage, daß die Torte doch sicher nicht so einfach herzustellen ist, winkt die resolute Wirtin ab: "Nee, wir sind Ehrenamtler. Da muß es einfach sein damit es schnell geht".

Das andere Ende des Womo-Stellplatzes 

Die Festungsmauer vom Stellplatz aus

Der Womo-Stellplatz hinter den Bäumen 

Blick vom Café auf die Festungsmauer

Ausblick auf die Elbe

Alter Anleger mit Gleis zur Festung

Pötte gucken

Pötte gucken auf der Schiffsschaukel – wenn dann auch noch eine Aida vorbeikommt ...

Unsere zweite Radtour führt diesmal flussaufwärts ins 9 km entfernte Twielenfleeth. Die gute Aussicht auf die Elbe dort wollen wir wieder mal zum Pötte gucken (neudeutsch: shipspotting) nutzen. Dort befindet sich mit der Kaffeklappe   auch ein populärer Imbiss auf einem Schiffsanleger, der bei Schiffsverkehr hin- und herschaukelt, was wohl entspannend auf die Gäste wirkt. 

Der Stellplatz an der Elbe

Und einen Wohnmobilstellplatz   gibt es da auch. Okay, ist mehr ein Parkplatz ohne Schatten, ohne Strom und die Ver-/Entsorgung ist auch ein paar Kilometer weiter. Wir haben uns gefragt, wer sich hier freiwillig in die pralle Sonne stellt. Aber die Aussicht ist wirklich gut. Ein Restaurant und sogar ein kleines Freibad   sind in unmittelbarer Nähe. Für ein Wochenende vielleicht doch gar kein so schlechter Platz. 

In der Stadt

Tiedenkieker und Greundiek im Stadthafen

Bei unseren ersten Spaziergängen in der Stadt haben wir uns gewundert, dass es in einer alten Hansestadt, die ja irgendwie etwas mit dem Meer zu tun hat(te), nirgendwo Fischbrötchen gibt. Dann haben wir ihn aber doch noch entdeckt, den Imbiss am Stadthafen, der im Gegensatz zum alten Hafen noch schiffbar ist. Von hier aus starten der Tiedenkieker    und das Museumsschiff Greundiek    ihre Spritztouren auf die Wasserstraßen der Umgebung. Die Schiffe fahren allerdings nicht jeden Tag und deshalb solltest du dir vorher die entsprechenden Terminkalender ansehen. Wir wollen aber nicht so weit hinaus und wären mit einer Kahnfahrt auf den Fleeten rund um Stade zufrieden. Die sind aber leider gerade ausgebucht.

Der voll besetzte Fleetkahn startet im östlichen Teil des Burggrabens

Es gibt doch noch Fischbrötchen: Der Imbiss am Stadthafen

Und die Fischbrötchen? Die Plätze vor dem Imbiss waren leider auch ausgebucht. Frust! Dann habe ich aber die drei etwas abseits stehenden Strandkörbe unter dem alten Kranbagger entdeckt, die man wohl nicht so schnell als zum Imbiss gehörig identifiziert. Alle Plätze frei! Ein lauschiges Plätzchen. Da habe ich mir doch gleich Fish & Chips gegönnt. Nach unserer Inbesitzname waren dann auch schnell die anderen Körbe belegt.

Das Baumhaus am Ende des alten Hafens (hinter dem ... Baum)

Die Stader Flutkanonen

Seit 1682 ist in Stade das Signalschießen zur Sturmflutwarnung üblich. Die erhaltenen dafür benutzten Kanonen des 18. Jhs. standen bis 1850 auf der Burgbastion, dann auf dem Schwingedeich. Sie wurden zuletzt bei der großen Flut am 16./17. Februar 1962 eingesetzt.

Die Warnschüsse wurden nach den Pegelständes des Flutmessers am Schwedenspeicher abgegeben:

  • 3 Schüsse bei etwa 2 Meter über mittlerem Hochwasser (MThw)
  • 3 Schüsse in rascher Folge bei etwa 2,70 Meter über MThw
  • 6 Schüsse in rascher Folge bei etwa 3,20 Meter über MThw

Quelle: Informationstafel an den Kanonen

Am anderen Ende des alten Hafens befindet sich das Baumhaus. Was soll das wohl sein? Na klar, ein Haus auf einem Baum. Nee, in Hafenstädten ist dies das Haus des Baumwärters, der (früher) jeden Abend die Hafeneinfahrt mit einem an einer Kette befestigten Baumstamm versperrt hat.  Wieder was gelernt. Auch neu für mich: Die Aufgabe der drei Flutkanonen hinter dem Baumhaus. 

Die Figurengruppe über dem Portal des historischen Rathauses

Die Stader Haupteinkaufsstraße führt am historischen Rathaus vorbei. Der nach dem großen Stadtbrand von 1659 neu errichtete Bau fällt in die Regierungszeit der Schweden (1645-1712), die Stade zur Verwaltungs-, Festungs- und Garnisonsstadt ausbauten. Auffällig ist das eindrucksvolle Portal, bei deren Betrachtung Marianne und ich mal wieder über Lücken unseres Allgemeinwissens stolpern. Die oberhalb angebrachten Figuren: Links Prudentia, die Klugheit mit Spiegel und Schlangen, und rechts Justitia, die Gerechtigkeit mit Waage und Schwert und unverbundenen (!) Augen. Zwei Löwen halten das schwedische Königswappen, darunter ist das kleinere Stadtwappen zu sehen. 

"Was hat nun der Spiegel mit Weisheit zu tun?" haben wir uns gefragt. Den würde man doch eher mit Eitelkeit in Verbindung bringen. Ahh, ich liebe das Internet (okay, ist aber eher eine Haßliebe):  "Der Spiegel steht als Symbol für Weisheit vor allem für Selbsterkenntnis, Wahrheit und Klarheit. Er zeigt den Menschen, wie sie wirklich sind, und hilft ihnen, ihr eigenes Inneres zu verstehen." schreibt Googles KI. Ja, macht Sinn.

Blick zurück vom Ende des alten Hafens (links das Baumhaus, rechts der Schwedenspeicher)

Skulptur eines Lieblingsmärchens: Mantje, Mantje, Timpe Te, Butje, Butje in der See ...

In Touristeninfos liest man oft etwas von einem Baumhaus. Stellt man sich aber anders vor. 

Da wird vor das Fachwerkhaus einfach eine Fassade im Stil der Weserrenaissance gesetzt 

Auch sehr schön: Das ehemalige Versammlunghaus der Brauerknechte

Das Traufenhaus heißt so, weil es mit der Traufe (Seite) statt dem Giebel zur Straße liegt.

Die Museumsinsel

Karte aus dem Stadtmuseum mit den Marsch- (dunkelgrün) und Geestgebieten (hellgrün)

Und die Führung auf der Museumsinsel? Sehr gut. Eine ältere Dame ("natürlich" Ehrenamt) hat uns alle Bauwerke des Eilandes vorgestellt, aber die meiste Zeit waren wir in dem schmuckvollen Altländer Bauernhaus (aus der Marsch – eher reiche Bauern). Das große Haus daneben war ein Bauernhaus aus der Geest (karger Boden – eher arme Bauern), von dem aber aufgrund einer Brandstiftung nur noch der Giebel originalgetreu erhalten ist.

Das Altländer Bauernhaus ist mit seinem ursprünglichen Inventar aus zwei Jahrhunderten einzigartig. In dem Rundgang geht es unter anderem um Gesche von Husen, die hier mit ihren Brüdern lebte, über offenem Feuer ihr Essen bereitete, in der guten Stube Nachbarn zur Visite empfing und sich nach getaner Arbeit im Alkoven zur Ruhe bettete.

Das Altländer Bauernhaus mit der Tür ohne Klinke (das ist die Braut- oder auch Brandtür)

Die gute Stube mit Alkoven, in denen gleich mehrere Personen in Hocklage schliefen ...

... und die Schnur, an dem sie sich morgens mit ihren steifen Gliedern hochzogen

Die Truhen mit den "hohen Kanten" oben am Deckel für die Wertsachen stehen gleich hinter der Brand- bzw. Fluchttür 

Esszimmer mit Herd und abgedeckter Feuerstelle (falls die Katze mal mit angesengtem Schwanz auf den Strohboden flüchtet)

Eine Werkstatt für die Arbeit im Winter, wenn es auf dem Feld nichts zu tun gab: Hier werden Holzschuhe angefertigt

Georg Christoph Lichtenberg in Lebensgröße auf der Museumsinsel

Und der kleine Mann? Georg Christoph Lichtenberg   (1742-1799) war ein Physiker, Naturforscher, Mathematiker, Schriftsteller und der erste deutsche Professor für Experimentalphysik im Zeitalter der Aufklärung. Lichtenberg gilt als Begründer des deutschsprachigen Aphorismus  . 1773 kam er ins provinzielle Stade, um hier ein Feldobservatorium zur astronomisch-geographischen Ortsbestimmung aufzubauen, blieb aber nur wenige Monate hier. Über die Bürger der Stadt soll er gesagt haben: „Das gemeine Volk ist hier faul, dumm und grob. Die meisten Vornehmen sind nicht viel besser.“ Böse sind ihm die Stader deswegen wohl nicht, sonst hätten sie die Statue dieses kleinen, buckligen Mannes wohl etwas realistischer gestaltet.

Spruch

Es ist nicht gesagt, dass es besser wird, wenn es anders wird. Wenn es aber besser werden soll, muss es anders werden.

Georg Christoph Lichtenberg

Um nochmal auf die Profis vom Stader Stadtmarketing zurückzukommen: Die verstehen ihr Handwerk. Normalerweise dreht sich bei mir immer ein wenig der Magen um, wenn ich bedeutungsleere Versprechungen auf Werbeplakaten lese. In diesem Fall bin ich fast beeindruckt: Die Qualität der Bilder auf den Tourismus-Seiten im Internet erinnert mich an die Hambuger-Werbung einer großen Fastfood-Kette und auch die werbewirksamen Texte passen gut dazu . Viel besser kann man diese Stätte den Touristen wohl nicht verkaufen. Kompliment.  Ist zwar übertrieben, aber kein falsches Versprechen – Stade lohnt sich.