Okay, es sind Sommerferien. Reisezeit. Der Hauptstellplatzbereich vom Ankerplatz ist voll. Wir stehen auf dem Ausweichplatz und das bedeutet: Kein Rasen sondern Schotter. Zum Ausgleich gibt es ein Hafenfest und da haben sich die Ditzumer was ganz Besonderes einfallen lassen, um Touristen (und Einheimische) zu begeistern.
Heute ist Dienstag. Wir fahren von Aurich nach Ditzum, um auch auch hier noch ein paar Bilder einzufangen für unseren Bericht vom ersten Besuch in diesem kleinen Fischerort. Auf dem Weg dorthin kommen wir durch Westgroßefehn. Eine enge Durchgangsstraße führt durch den kleinen Ort, und wir haben uns auf der Hinfahrt nach Aurich schon gefragt, warum der wohl nicht unerhebliche Verkehr hier durchgeführt wird. Die schon seit Jahren genervten Bürger wehren sich neuerdings mit Schildern wie „Raser raus“, „Ihr seid uns zu viel!“ oder „Du bist einer von 6000 täglich“. Das ist verständlich. Das nächste Mal werden wir mal die „Umweg“ über die B72 ausprobieren. Laut Google Maps sind das 4 km bzw. 3 Minuten Fahrzeit mehr.
Kleine Enttäuschung bei der Ankunft: Leider ist unser Lieblingsankerplatz schon besetzt. Wir fahren auf den Ausweichplatz hinter dem Lebensmittelladen in einen der letzten Plätze ein. Es wird im Laufe der Woche dort eng werden. Kein schönes Umfeld.
Wir befinden uns im Rheiderland . Das Rheiderland besteht größtenteils aus angeschwemmten Boden (Marsch
) und ist ebenso flach wie der übrige Teil Ostfrieslands. Allerdings gibt es hier noch weniger Baumbepflanzung und dadurch reicht der Blick bis zum Horizont. Das fällt uns auf unseren Radtouren durchs Gelände auch immer wieder auf.
Tiefste Stelle in Niedersachsen
In den Osterferien sind wir hier einen Teil des Dollart-Radweges abgefahren. Der Dollart ist eine 90 km² große Meeresbucht an der Mündung der Ems. Die Bucht soll 1362 im Rahmen einer Sturmflut entstanden sein (so sicher ist man sich da aber nicht). Auf dem Radweg entlang des Dollarts kommt man durch Ditzumerhammrich und dort steht ein Hinweisschild am Wegesrand: Fußweg zur Mühle. Ich habe damals gedacht „Ach, noch eine Mühle, kann man sich sparen“ und wir sind weiter gefahren. Tja, denkste. Es handelt sich dabei um eine besondere Mühle: Die einzige im Landkreis Leer erhalten gebliebene Wind- und Wasserschöpfmühle Wynhamster Kolk
dient(e) der Entwässerung des Wynhamster Kolks, der mit 2,5 Meter unter dem Meeresspiegel die tiefste Stelle Niedersachsens ist. Eine Hinweistafel an der Mühle
informiert über die Arbeitsweise der Mühle und die Eindeichung des Dollart im Laufe der Zeit.
For the Birds
Es ist halb sieben und ich erkunde einen Hafen ohne Wasser – mit leicht knurrendem Magen, denn der Laden am Ankerplatz macht erst um 7 Uhr auf. Ich muss also noch ein wenig auf einen der erstklassigen Croissants von dort warten. Beim Blick von der Wasserschutzmauer aus in den Hafen ist Vogelgezwitscher zu hören. Auf der Kette zum Öffnen der Sieltore ist ständig Bewegung. Es sieht so aus, als würden sich die Vögel darauf fortwährend ihren Platz streitig machen. Das erinnert mich doch sehr an den Kurzfilm For the Birds
von Pixar.
Siele sind Entwässerungskanäle. Wenn es viel geregnet hat und dieses Wasser abgeleitet werden muss, dann öffnet Hafenmeister Hinrich Wortmann hier die Sieltore. Das geht allerdings nur bei Ebbe, denn bei Flut würde Meerwasser in die Siele hinein gedrückt werden. Auf Youtube gibt es einen kurzen Film vom Ditzumer Hafen- und Sielmeister bei der Arbeit.
Radtour nach Emden
Am Donnerstag habe ich alle geplanten Filme und Fotos im Kasten. Eigentlich könnten wir nun programmgemäß weiterfahren in die Niederlande. Am kommenden Samstag feiern die Ditzumer aber ihr Hafenfest und auf den Plakaten wird eine Fischkutter-Parade angekündigt. Bisher habe ich die Kutter nur im Hafen festgemacht gesehen. Das wäre doch die Gelegenheit, die Pötte einmal in Aktion zu filmen. Wir bleiben.
Und da ich bisher hier noch kein Wasserfahrzeug betreten habe, nehme ich mir für Freitag vor, mit der Fähre von Ditzum nach Petkum zu fahren und von dort nach Emden zu radeln. Schließlich bin ich hier an der Küste und da könnte man ja wenigstens einmal mit einem Boot fahren. Ich kann ja nicht ahnen, dass mir noch eine weitere, viel aufregendere Fahrt auf der Ems in den Schoß fällt. Von meiner Radtour nach Emden erzähle ich in einem separaten Bericht.
Hafenfest
Um halb zwei soll der Kutterkorso beginnen. Wir kommen etwas verspätet in den Hafen, aber bei den Kuttern tut sich noch nichts. Der westliche Kai-Bereich und Parkplatz ist gefüllt mit vielen gastronomischen Angeboten und dort herrscht auch schon reger Betrieb. Auf der anderen Seite stehen viele Leute und … beobachten das Treiben?
Nein, die warten auf die Kutter, die sich jetzt einer nach dem anderen von der einen Seite des Kais zur anderen Seite schrauben und dann die Leute einladen. Allein schon für diese Manöver hat sich das Kommen gelohnt: Die Steuermänner manövrieren die dicken Pötte in dem engen Becken so elegant als steuerten sie mit dem Joystick einen Hubschrauber in einem Videospiel.
Das ganze braucht seine Zeit und wiederholt sich natürlich bei jedem Boot. Ich stehe oben auf der Hochwasserschutzmauer und habe eigentlich schon alles Sehenswerte fotografiert. Will ich da mitfahren? Ach, nee, bin ja schon gestern mit der Fähre auf der Ems hin und her getuckert.
Ich fange mich an zu langweilen. Marianne habe ich schon längere Zeit nicht mehr gesehen. Ob ich nun hier oben an der Mauer stehe oder unten am Kai in der Warteschlange, das macht eigentlich keinen Unterschied. Ich gehe runter, stelle mich an, schätze die Zahl der Leute ab und kombiniere, dass sowieso nicht Platz genug für alle ist. Und richtig, der letzte Kutter legt ab und wir stehen noch am Kai. Aber da höre ich von hinten: „Die kommen noch mal wieder.“
Und so ist es auch. Der (oder die?) grüne Jan Bruhns kommt als erstes, lädt seine Fracht aus und nimmt uns auf. Ich eile zum Bug um ein gutes Schussfeld zu haben. Schnell noch eine SMS an Marianne: „Bin im grünen Boot.“ Dann geht es los … und zwar anders als ich es mir vorgestellt habe. Die Kutter tuckern nicht gemütlich hintereinander die Ems hinunter, sondern brettern zwischen dem Sperrwerk und Pogum hin und her. Na ja, brettern mag übertrieben erscheinen, aber im Vergleich zur Fähre sind die (wahrscheinlich) mit Vollgas fahrenden Kutter schon eine andere Nummer. Und wenn einem dann noch ein anderer Kutter mit der gleichen Geschwindigkeit entgegen kommt, dann fühlt sich das bei kühlem Fahrtwind schon an wie eine aufregende Achterbahnfahrt. Ich werde später herausfinden, dass der 300-PS-Motor der Jan Stiehns maximal 10 Knoten fahren kann. Das sind etwa 20 Stundenkilometer.
Kleiner Dämpfer: Ich filme die Kutter, die uns entgegen kommen, und wieder zeigt sich, dass es schon gut ist, wenn man sich mit seiner Ausrüstung auskennt. Während ich auf den blauen Kutter ziele, reguliert der Auto-Focus die Entfernungseinstellung korrekt nach, je näher das Schiff kommt. Dann fährt es an uns vorbei und ich denke noch „Perfekt, super Großaufnahme“, da hat der Kutter auch schon den Focus-Messpunkt verlassen und die Kamera stellte auf das gegenüberliegende Ufer scharf. So ein Mist.
Die Besatzung „meines“ Kutters hat vorne an der Kajüte eine Lautsprecherbox festgeschnallt. Auf der Fahrt ertönt Musik mit mehr oder weniger lockerem Bezug zur Seefahrt wie etwa von Torfrock (Rollo, Renate und natürlich Beinhart) oder Santiano. Weitere schützenfest- und fetentaugliche Tanzmusik rundet das Programm ab. In voller Lautstärke. Alles Mucke, die meinen Körper unweigerlich in Wallung bringt. Zwischendurch kommen Erinnerungen hoch an meine Bundeswehrzeit vor 40 Jahren, als wir mit dem Schnellboot unter der Auslaufmusik Weg da! von Herman van Veen über Bordlautsprecher den Hafen in Kiel verlassen haben.
Ich bin noch ganz geflasht beim Aussteigen. Ich meine, ich bin über 60 und die junge Besatzung dieses einen grünen Kutters spielt mein Programm. Und dann noch kostenlos. Na ja, an Bord ging eine junge Dame mit einem Hut herum und sammelte „für die Fischer“. Okay, es war kein Hut sondern eine Wollmütze. Und damenhaft war sie auch nicht – machte eher den Eindruck als könne sie auch mal die Ärmel hochkrempeln und ordentlich anpacken. Friesisch herb. Und attraktiv.
Marianne und ich gönnen uns noch eine Manta-Platte und einen Crêpe. Um 20 Uhr soll die Band No Trix mit ihrem Programm beginnen. Noch ein bisschen Live-Musik – das würde den Tag abrunden. Um halb neun sind die Jungs aus unerfindlichen Gründen immer noch nicht auf der Bühne. Wir mutmaßen, dass sich vielleicht noch nicht genügend Gäste in dem kleinen kostenpflichtigen Bereich um die Bühne herum eingefunden haben. Wundert uns nicht, denn auf den Bänken außerhalb dieses Bereichs würde der Empfang auch nicht viel schlechter sein. Okay, gegen 21 Uhr geht es dann los … mit Musik, der wir nicht so zugeneigt sind, und die auch so gar nicht passt zu der auf den Schiffen und der, die wir aus den Ghettoblastern einzelner Gruppen junger Menschen hörten. Schade.
Das ändert aber nichts am guten Eindruck vom Tag. Unser Aufenthalt in Ditzum geht mit einem krönenden Abschluss zu Ende.