Bayeux ist die erste französische Stadt, die 1944 im Rahmen der Operation „Overlord“ von der nazideutschen Besetzung befreit wurde, und daran werden wir auch an vielen Stellen erinnert. Deswegen sind wir aber nicht hier. Wir wollen uns einen Teppich ansehen – besser gesagt: Die Bildergeschichte auf dem Teppich.

Wir sitzen in einer Kirche. Okay, eine größere Kirche: die Kathedrale von Bayeux . Heute ist hier das Festival der Kinderchöre, und wenn Marianne mehrere Gruppen uniformierter junger Menschen in eine Kirche strömen sieht, dann spitzt sie ihre Ohren. So sitzen wir hier und lauschen dem Gesang, der von überall zu kommen scheint oder auch geradewegs vom Himmel. Kolossale Akustik. Auch später werden wir in der Stadt noch einige Chöre als Straßenmusik hören.



Eine der schönsten Kathedralen Frankreichs

Das im romanischen Stil begonnene und 1077 geweihte Bauwerk ist eine der schönsten Kathedralen Frankreichs und gleichzeitig eines der bedeutendsten sakralen Denkmäler der Normandie. Ein Feuer beschädigte das Gebäude 100 Jahre nach dem Bau, man verzichtete danach allerdings auf einen Neubau, sondern begann mit dem Umbau im damals aufkommenden Stil. Das Bauwerk wurde praktisch gotisiert, was heute noch an den verborgenen romanischen Strukturen unter dem gotischen Mantel und natürlich an den beiden wuchtigen Türmen des Westwerks erkennbar ist.



Das mittelalterliche Stadtzentrum

Der Innenraum ist geprägt von ornamentalen Mustern wie Zickzackbändern und steinernem Geflecht bei gleichzeitiger Bescheidenheit, was figürliche Darstellungen anbelangt. Einige der spärlichen Figuren erscheinen grotesk und rätselhaft in der Bedeutung – wie etwa der Mann, der sich über den Bart streicht, oder das Hände haltende Paar (die „Liebenden von Bayeux“).

Rund um die Kathedrale von Bayeux sind die mittelalterlichen Stadtstrukturen nahezu vollständig erhalten. Einen Vorgeschmack darauf bekommt man schon auf dem idyllischen Fußweg vom Campingplatz in die Stadt die Aure entlang. Leider haben innerstädtische Bauarbeiten im Flussbereich das Wasser schmutzig grau gefärbt, so dass unsere Bilder keine Postkartenqualität erreichen. Auf der Webseite von K.H. Stabel  seht ihr ein sauberes Gewässer.

Okay, was ist das jetzt für ein Teppich ? Die Stickarbeit zeigt auf 70 Metern in 58 Einzelszenen – eine Art historischer Comicstrip – die Eroberung Englands durch den Normannen Wilhelm im Jahre 1066 und dessen Vorgeschichte. Das Teil ist sowohl Kunst- als auch Propagandawerk erster Güte. Bei Wikipedia  befindet sich am Ende des Beitrags eine Abbildung des ganzen Teppichs zusammen mit einer kurzen Erklärung der einzelnen Szenen.

Am Eingang des Musée de la Tapisserie    bezahlt jeder von uns 12€. Wir bekommen einen Audio-Guide und werden mit den Worten „It‘s all automatic“ in den Ausstellungsraum verwiesen – ein schmaler, langer, dunkler Raum mit dem Teppich hinter Glas auf der linken Seite. Fotografieren ist hier nicht erlaubt – wer einen Eindruck vom Raum haben möchte, folgt diesem Link .

Unter „Automatik“ verstehe ich, dass der Audioguide registriert, wo ich gerade stehe, und mir dann den dazu passenden Text vorliest. Ich warte also am Anfang etwas, weil sich dort ein kleiner Stau gebildet hat, stehe dann vor der Szene 1, der Audioguide ist aber schon bei Szene 4, bei dem jetzt auch der Stau angelangt ist. Die „Automatik“ bedeutet in diesem Fall für uns, das wir nichts tun können – die Ziffern- und Vor-/Zurück-Tasten des Hörers funktionieren nicht. Es wird einfach nur eine Audio-Datei abgespielt. Toll.



2. Ebene: Teppichkopie für Selfies, Harolds vermeintlicher Schwur und Dioramen

Etwas verärgert gehe ich vor, aber es hat keinen Zweck. Da stehen schon zu viele. Ich laufe zurück an die Ausgabe und sage „It‘s too fast“ (was natürlich Quatsch ist), „Can you restart it?“. Er kann, und mit dem neuen Wissen und einer passenden Lücke im Besucherstrom gehe ich jetzt tief beeindruckt mit einem gut gemachten Hörspiel im Ohr an den fast 1000 Jahre alten Bildern vorbei.

Für diejenigen, die nicht französisch sprechen, ist es etwas schwierig zu erkennen, dass dieses Museum noch ein zweite Ebene hat. Wir haben das auch nur bemerkt weil (vereinzelt) Leute nach oben gingen. Dort gibt es ein kleines Kino mit einer Dokumentation von Williams Invasion (französisch und englisch, teilweise mit Animationen von Figuren aus dem Teppich). Dann gibt es noch einen Raum mit einer Kopie des Teppichs für Selfies und ein weiterer großer Ausstellungsraum zeigt die Entstehung, Behandlung und Erforschungshistorie des Teppichs, lebensgroße Wachsfiguren-Ritter, Infotafeln sowie anschauliche Dioramen zu Bautechniken seiner Zeit. Dieser Bereich ist auch für Kinder sehr anschaulich.

Der Wandteppich als Abdeckplane

Seit Beginn der französischen Revolution lag der Teppich sicher in den Depots der Kathedrale. Dann erfolgte der Angriff europäischer Nachbarn und Frankreich verpflichtete alle unverheirateten Männer zwischen 18 und 25 Jahren zum Kriegsdienst. Beim ersten Trommelschlag in der Stadt Bayeux, die bereits ein größeres Kontingent an Soldaten gestellt hatte, erhob sich das örtliche Bataillon.

Inmitten des Tumults der plötzlichen Abreise wurden Karren improvisiert, um Militärausrüstung zu transportieren. Eines dieser Transportmittel brauchte eine Abdeckung, aber die nötige Leinwand fehlte. Der Wandteppich wurde als für diesen Zweck geeignet vorgeschlagen und die Verwaltung ordnete kleinmütig die Lieferung an. Das Stück wurde gebracht und auf den Pferdewagen gelegt.

Lambert-Léonard le Forestier, Kommissar der Polizei, erfuhr davon, als das Gefährt bereits unterwegs war. Umgehend ließ er den Befehl erteilen, den Transport zurückzubringen. Kaum war dies geschehen, riss er den Wandteppich aus seiner misslichen Lage, besorgte als Ersatz etwas stabiles Segeltuch und sicherte die kostbare Stickerei in seinem Arbeitszimmer.

Quelle: The Bayeux Tapestry – A History And Description, Frank Rede Fowke, 1913

Die Straße direkt an der Kathedrale entlang heißt übrigens Rue de Leforestier. Diesem Mann haben wir es zu verdanken, dass wir hier in Bayeux sind. Die Anekdote im Kasten rechts schildert nur eines der Ereignisse, die zum spurlosen Verschwinden des Wandteppichs hätten führen können. In einer anderen Quelle war Monsieur le Forestier allerdings Stadtrat und Anwalt und der Wagen war noch nicht abgefahren. Wie dem auch sei – eine schöne Geschichte.

Unser Stellplatz


Camping Municipal des Bords de l'Aure de Bayeux

OSM Google

Wir haben 21,40€ pro Übernachtung (ohne Strom) bezahlt (Abreise bis 12 Uhr).

Service: Toiletten, Ver-/Entsorgung, Strom, Waschmaschine/Trockner (je 1), WiFi, Fernseh-/Leseraum

Die eine Waschmaschine und der Trockner dazu sind allerdings nahezu im Dauerbetrieb. Wer die nutzen möchte, muss einen günstigen Zeitpunkt abpassen. Bei uns war das aber kein Problem.

Die Stellplätze rechts an der Straße hinter der Hecke sind für geräuschempfindliche Gäste nicht zu empfehlen.

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