Caen haben wir erst nachträglich in unser Besuchsprogramm eingeschoben, um unseren D-Day-Informationsblock mit dem Museum hier abzuschließen. An einer Stelle darin sind wir besonders gerührt. Später finde ich heraus, dass man uns wahrscheinlich etwas vorgemacht hat. Außerdem entdecken wir, dass sich hier in Caen auch für Eroberer William der Kreis schließt.

Unser Stellplatz

Parkplatz am „Mémorial de Caen“

OSM Google

Kostenlos

Das ist kein Wohnmobil-Stellplatz, sondern ein für Wohnmobile separierter Teil des gesamten Parkbereichs am Memorial. Für diesen Teil gilt ein Halteverbot von 21.00 Uhr bis 08.45 Uhr. In dieser Zeit sind auch die Schranken des gesamten Parkbereichs geschlossen.

Alternative:

Aire Camping-Car Park de Caen

OSM Google

Der Stellplatz ist etwa 200 Meter von Memorial entfernt.

Weitere Infos 


Der separate Teil des Parkplatzes für etwa 15 Wohnmobile

Wir brechen relativ spät am Omaha-Strand auf, aber bis Caen sind es nur etwa 50 Kilometer, und das kann man auch bei unserem Tempo mal eben vor dem Abendessen schaffen. Auf dem Stellplatz am Museum finden wir auch direkt einen Platz, sind aber etwas irritiert über das Parkverbot ab 21 Uhr. Marianne fragt einen hilfsbereiten Franzosen, der gerade den Platz verlässt, worauf sein Sohn mal eben schnell googled, dass das wohl kein Problem sei. Zusammen mit Landsleuten aus Höxter beschließen wir zu bleiben – nicht ganz ohne mulmiges Gefühl, denn das Parkverbotsschild droht mit Abschleppen.

Das Memorial

Das Memorial dokumentiert die Operation Neptune, also die Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 (D-Day) in der Normandie und die folgenden Kämpfe zur Befreiung der Normandie von der deutschen Besatzung, und bettet dies in die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts vom Ersten Weltkrieg bis zum Mauerfall ein. Nach dem Betreten der großen Halle bin ich etwas irritiert, weil ich nicht verstehe, wie das Museum kontrolliert, wer Eintritt bezahlt hat. Die Lösung ist unerwartet: Kostenlos sind die drei Räume der Ausstellung D-Day, der Bereich „1945 bis zum Ende des Kalten Krieges“, die Besichtigung des deutschen Kommandobunkers, an dessen Stelle das Museum errichtet wurde, sowie der Zugang zum Café bzw. Restaurant.



Der zweite Raum der D-Day-Ausstellung, Funkraum im deutschen Kommandobunker, Modell einer Kasematte, Koffer mit Funkgerät des franz. Widerstandes

Das Ticket (19,50 €/Person) wird nur benötigt für den umfangreichen Teil „Der Zweite Weltkrieg mit seiner Vorgeschichte ab dem Friedensvertrag von Versailles über den Holocaust bis zur Kapitulation der Achsenmächte“. Dazu gibt es einen Audioguide (Webseite oder Handy-App für 3 Euro), aber nur mit etwa 50 einleitenden Texten zu den einzelnen Abschnitten der Ausstellung, die sich eben auch vorlesen lassen. Die Texttafeln bei den jeweiligen Exponaten sind jedoch teilweise französisch und englisch, oft aber auch nur in französisch. Auch konnten die Texte des Audioguides zwei Tage später nicht mehr abgerufen werden („kein gültiges Ticket“). Das schränkt die Nützlichkeit der App wie auch des Museums insgesamt für Besucher ohne entsprechende Sprachkenntnisse doch etwas ein.

Für uns ist es dennoch ein lehrreiche Erfahrung. Wir beginnen mit dem Bereich D-Day und erfahren im ersten Raum einiges über den Ablauf der Geschehnisse am 6. Juli 1944 sowie Handlungsstränge einzelner Personen oder Gruppen. Im zwei Raum liegen Ausrüstungsgegenstände und es werden die Zerstörungen im Hinterland kurz angerissen. Im dritten und letzten Raum (Cinema) läuft ein kurzer Film mit – so glauben wir zunächst – Aufnahmen realer Geschehnisse und Ausschnitten aus damaligen Wochenschauen. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die Splitscreen-Technik: rechts die Wochenschauen mit der damals unterlegten Musik, links die Stummfilmaufnahmen der Kriegsberichterstatter. Wir sehen zu Beginn lachende und in Wartestellung sich langweilende Soldaten, dann Alarm und das Bereitmachen von Waffensystemen, Landungsboote auf dem Weg zum Strand und vor allem abfeuernde Kanonen auf Schiffen und aus Bunkern, deren Trümmer wir noch zwei Tage vorher gesehen haben.


Ein emotional ergreifender Film am Ende der D-Day-Ausstellung

Dann schieben sich die beiden Abschnitte etwas zur Seite und machen Platz für einen dritten Abschnitt in der Mitte. Wir blicken aus dem Cockpit (offenbar) eine Jagdflugzeuges, das sich auf den Strand stürzt, hören Maschinengewehrsalven und sehen aus großer Höhe Hunderte von winzigen Figuren umfallen. Dann Schnitt – ein kurzer Flug (in Farbe) über den Strand heute – Schnitt zurück und noch ein kurzer Augenblick der Luftwaffenarbeit. Der Film endet mit den ausdruckslosen Blicken zweier alliierter Soldaten.

Vor mir sitzen zwei Kinder vielleicht 10-12 Jahre alt. Ich habe feuchte Augen und frage mich, was die gerade erleben. Abends im Dicken werde ich stutzig. Meines Wissens gab es nur einen einzigen Angriff zweier deutscher Jagdflugzeuge  auf den Sword-Strand. Die werden das doch damals nicht gefilmt haben? Ich schaue mir die entsprechende Szene im Film Der längste Tag  auf Youtube an, und meine, darin den Ausschnitt wiederzuerkennen.

Okay, ob nun Dichtung oder Wahrheit – die Ereignisse am Morgen des D-Day waren schrecklich. Trotzdem fühle ich mich manipuliert. Für mich hat ein Museum auch immer etwas zu tun mit wissenschaftlicher Genauigkeit. Aber vielleicht ist das genau der feine Unterschied zwischen einem Museum und einem Memorial, welches in diesem Fall auch die Mission hat, den Frieden in der Welt zu fördern.

Williams Burg

Auf nächsten Tag schwingen wir uns auf die Räder und schauen uns drei weitere Sehenswürdigkeiten von Caen an: Die von William erbaute Burg   sowie die zwei Abteien – Saint-Étienne  für die Männer und Ste-Trinité  für die Frauen.



Williams Burg – eine einzige große Baustelle

Die Burg, etwa 1060 von Wilhelm dem Eroberer erbaut, ist eine der größten Festungsanlagen Europas. Im Laufe der Zeit erst Fürstenresidenz, dann Festung, später Kaserne, steht die Burg von Caen heute ganz im Zeichen der Kultur. Sie beherbergt zahlreiche mittelalterliche Monumente sowie das Kunstmuseum der Stadt Caen und das Museum der Normandie. Bei unserem Besuch ist allerdings ein großer Teil des Außengeländes im Umbau, was den Genuss etwas trübt. Außerdem ist das Wetter bescheiden – immer wieder ziehen kurze Regenschauer am sonst grauen Himmel durch. Für mich ist trotzdem noch genug historisches Bauwerk vorhanden, um gedanklich in eine andere Welt abzutauchen. Und vom Wehrgang aus hätte man tatsächlich einen weiten Ausblick auf die Stadt.

Grobes Werben oder die „Zähmung einer Widerspenstigen“

Als William, damals Herzog der Normandie, Mathilda   , Tochter von Balduin V., Graf von Flandern, und Enkelin von Robert II. „dem Frommen“, König von Frankreich, einen Heiratsantrag machte, da habe sie stolz abgelehnt – mit der Begründung, dass er unehelich sei und sie würde sich nicht dazu herablassen, einen Bastard zu heiraten. Daraufhin, so heißt es in der Geschichte, kam William aus der Normandie nach Brügge geritten, fing sie ab, als sie aus einer Kapelle kam, „zerrte sie an den Haaren zu Boden, schlug sie, rollte sie im Schlamm und ruinierte ihr prächtiges Kleid“, bevor er wieder davon ritt. Als sie sich erholt hatte, so die Geschichte weiter, erklärte sie, dass William der einzige Mann für sie sei. Die anschließende Ehe, aus der neun oder zehn Kinder hervorgingen, hielt bis zu ihrem Tod.

Ja, und dann ist da noch die Geschichte von der „Zähmung einer Widerspenstigen“, die immer wieder gern erzählt wird. Die Legende stammt allerdings aus einer Chronik, die etwa 200 Jahre später aufgeschrieben wurde und entspricht fast sicher nicht der Realität. Außerdem darf man doch davon ausgehen, das Töchter aus hohem Hause schon damals über eine Leibwache verfügten. Was man aber sicher weiß: Der Papst hat die Ehe verboten. Ob das – wie oft angegeben – wirklich geschah, weil beide zu nah verwandt waren, oder vielleicht nur aus politischen Gründen? Tja …

Die Gräber



St-Étienne, Ansicht von Südosten auf die Apsis und das nebenliegende Klostergebäude

Geheiratet haben sie trotzdem. Um die Kurie versöhnlich zu stimmen, sollen sie danach die beiden Abteien gestiftet haben. Dort sind sie auch begraben. Grund genug, sich die Gräber in den beiden Abteien mal anzusehen, um sich diese Geschichten nochmal zu vergegenwärtigen. Wir radeln in die Stadt und finden die Männerabtei mit der Kirche Saint-Etienne  auch relativ schnell. Im 16. Jahrhundert zerstörten religiöse Fanatiker Williams Grab in der Kirche. Die Gebeine wurden weggeworfen, aber ein Mönch rettete die Beinknochen. Das erneut während der französischen Revolution beschädigte Grab wurde 1802 restauriert und mit einer einfachen Grabplatte versehen. Die lateinische Inschrift darauf lautet: „Hier liegt der unbesiegbare Wilhelm der Eroberer, Herzog der Normandie und König von England, der Gründer des Hauses, der im Jahr 1087 starb“. Okay, zumindest ein Oberschenkelknochen liegt da noch.

Eine Abtei für eine Herzogin, eine Grabstätte für eine Königin

Dieses wunderschöne, würdevolle Grab beherbergt Matilda, von königlichem Blut und von bemerkenswertem moralischen Wert. Ihr Vater war Herzog von Flandern, und ihre Mutter Adele die Tochter von Robert, dem König von Frankreich und Schwester von Heinrich, der den königlichen Thron bestieg. Durch die Heirat vereint mit dem großartigen König Wilhelm gründete sie eine Abtei und baute diese Kirche, die durch ihr Testament mit so vielen Ländereien und kostbaren Gütern ausgestattet und geheiligt wurde. Sie war eine Vorsehung für die Elenden, voller Güte, sie verteilte ihre Schätze, sie war arm zu sich selbst und reich zu den Bedürftigen.

Quelle: Schild vor dem Eingang zur Abtei



Eigentlich weiß man kaum etwas über Williams Frau

Die Kirche mit dem Grab von Mathilde ist … ja man könnte schon fast sagen: irgendwie heller, feiner und nicht so klotzig. Auf einem Schild vor der dem Eingang steht ein wenig über sie und dann steht man gerührt vor dem Grab. Später beim Faktencheck zu diesem Artikel erfahre ich, dass man eigentlich kaum etwas Gesichertes aus erster Hand über diese Frau weiß. Und ich denke: „Caen, du hast mir wieder mal gezeigt, wie Geschichte gemacht wird.“