Wir sind auf dem Weg zum eigentlichen Ziel, dem Land der Bretonen. Vorher schauen wir uns aber noch das Ende der Welt an, besuchen Granville und klettern auf den Mont St. Michel. Der Piratenstützpunkt St. Malo wird dann unser erster Stopp in der Bretagne sein.
Eigentlich wäre jetzt Zeit für ein Nickerchen, aber um halb eins läuft die „Parkuhr“ in Saint-Pair-sur-Mer ab. Also verlassen wir diesen netten Ort und nehmen uns vor, auf dem Weg zum Mont St. Michel am Meer zu rasten. Unterwegs auf der Küstenstraße finden wir tatsächlich eine passende Stelle mit Sicht auf den Klosterberg. Ein paar Pferde stellen sich sogar als Statisten zur Verfügung.
Der Mont-Saint-Michel
ist nicht nur ein Berg mit einem Kloster drauf, sondern eine Stadt … nein, ein Dorf … oder besser: eine Gemeinde mit immerhin 25 Einwohnern (Stand: Januar 2021). Die ohne Bebauung 92 Meter hohe Insel ist bekannt für die im normannischen Baustil errichtete Abtei Mont-Saint-Michel
.
Einer Legende nach erschien 708 der Erzengel Michael dem Bischof Aubert von Avranches mit dem Auftrag zum Bau einer Kirche auf der Felseninsel. Aber der Bischof folgte der mehrfach wiederholten Aufforderung nicht, bis der Engel ihm während des Schlafs mit seinem Finger ein Loch in den Schädel brannte. Danach wurde die Insel nach dem Engel benannt. Der Schädel von Aubert mit dem Loch wird übrigens in der Kirche St-Gervais-et-St-Protais
in Avranches aufbewahrt.
Während der französischen Revolution wurde die Abtei in ein Gefängnis umgewandelt, das ursprünglich für Regimegegner aus den Reihen des Klerus gedacht war. Der Berg erhielt den Namen Mont-Libre (Berg der Freiheit) – was für eine Verhöhnung der 15.000 bis 18.000 Insassen.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entdeckten Victor Hugo
und die Romantiker
den Berg, verherrlichten ihn in Gedichten, Romanen und Gemälden und stellten ihn so wieder in ein positives Licht. 1863 erfolgte dann die Schließung des Gefängnisses und 1874 wurde der Mont Saint-Michel zum nationalen Denkmal (Monument historique) erklärt.
Für die Nacht steuern wir den Parkplatz an der Kirche Beauvoir
an. Und dort gibt es gleich nochmal eine tolle Sicht auf die Abtei. Kaum ist das Wohnzimmer wieder eingerichtet, möchte Marianne mal kurz nur bis ans Wasser radeln. Hah … wie so häufig wird auch das wieder eine längere Tour, denn wir kommen mit den Rädern bis an den Fuß des Klosterbergs. Und wenn wir schon mal da sind …
… dann gehen wir wenigstens einmal herum. Auf seiner Rückseite am Saint-Aubert-Brunnen
klettere ich mit einem Paar um die Wette bei der Suche nach einer günstigen Perspektive auf die ehemals einzige Süßwasserquelle des Klosters, die im 13. Jahrhundert durch den heute ruinösen Wehrturm befestigt wurde. Die kleine Saint-Aubert-Kapelle
daneben steht aber noch und bei Flut kommt es schon mal vor, dass die komplett umspült und so zum Mini-Mont-Saint-Michel wird. Apropos Flut: Die Gezeitenkräfte in der Gegend um den Berg sind stark – Victor Hugo sprach von Fluten „à la vitesse d’un cheval au galop“ („mit der Schnelligkeit eines galoppierenden Pferdes“). Zwischen höchstem und niedrigstem Wasserstand liegen bis zu 14 Meter.
Das war‘s für heute. Marianne möchte nicht unbedingt auf den Berg und ich will das erst morgen früh – in aller Ruhe ohne viel Publikum. So war zumindest die Absprache. Jetzt hat sie der Berg aber doch gerufen und wieder mal ändert sich der Plan. Vorher stärken wir uns noch mit einem Eis (nicht so lecker aber erfrischend) vom Lokal direkt hinter dem Eingang bzw. vor dem Ausgang. Da habe ich eine Weile in der Schlange gestanden, bis ich gemerkt habe, dass man erst einen Bon an der Kasse kaufen muss, um sich dann wieder anzustellen …
Während wir so kreuz und quer durch das Gewirr der engen Gassen schlendern, frage ich mich, was eigentlich das Besondere an diesem Berg ist, wenn man nicht unbedingt die Abtei oder das Museum besichtigen oder Andenken und Schnickschnack (sage ich) bzw. Kunst (sagt mein Schatz) erwerben möchte?
Für mich ist es das, was die Romantiker hier schon gesehen haben: die verwinkelten Gassen, das graubraune Mauerwerk, die weite Aussicht (waagerecht sowie senkrecht nach oben und unten), das Spiel von Licht und Schatten und der spirituelle Geist, der aus der Abtei, der Kirche und dem Friedhof weht. Ich werde morgen früh ein Ehepaar oben auf der Treppe hinunter zur Bastion de la Tour Boucle
sehen, die ihr Frühstück mitgebracht haben und dort den Sonnenaufgang genießen. Genau. Das ist es.
Morgens am Berg
Unser zweiter Tag in Beauvoir. Ich bin spät wach geworden und komme erst gegen 7 Uhr los. Erste Enttäuschung: der Bäcker hat zu. Mit nüchternen Magen auf eine Fotosafari – das haben wir ja gerne. Zweite Enttäuschung: Ich bin nicht der erste. Damit war zwar zu rechnen, denn die Shuttlebusse haben soeben mit ihrem Pendelverkehr begonnen. Aber es sind neben den Lieferanten für die Gastronomie schon erstaunliche viele Touristen da ... und einige Asiaten sind bereits wieder auf dem Rückweg. Die Erfahrung habe ich schon öfter bei Top-Sehenswürdigkeiten gemacht: Ich denke ich bin früh, aber die sind schon da und posieren für ihre Selfies.
Wenn du durch den Haupteingang den Klosterberg betrittst und dann nach rechts durch das Tor gehst, dann bist du auf der Grand Rue, die an der Kirche Saint-Pierre vorbei nach oben zur Abtei führt. Hier konzentrieren sich das gastronomische Angebot, die Hotels und der übliche Touristikbedarf und deshalb ist da tagsüber ein ziemliches Gedränge. Jetzt geht es – dafür sind die Lichtverhältnisse eher bescheiden. Aber ein paar gute Schnappschüsse gelingen mir dann doch.



Eine schmuckvolle kleine Kirche mit Michael dem Drachentöter an prominenter Stelle (Quelle Bild unten rechts: Giogo)
Die St-Pierre-Kirche
geht auf das 11. Jahrhundert zurück, eine Zeit also, als der Mont schon zur Normandie gehörte und William der Eroberer
sich seinen Namen verdiente. Sehenswert findet ich die Statue von Jeanne d‘Arc
am Eingang und innen die vom Erzengel Michael
im Kampf mit dem Drachen.
Der Mont Saint-Michel liegt nahe der Grenze zur Bretagne und gehörte auch mal kurz dazu, bis die Normannen im Zuge ihrer Expansion im 10. Jahrhundert die Halbinsel Cotentin
und den Landstrich um den Mont (Avranchin
) herum annektierten. Für uns ist es also nur ein Katzensprung bis zum nächsten Ziel: die bretonische Korsarenstadt Saint Malo.






















