Wismar ist berühmt für seine gut erhaltene historische Altstadt, die seit 2002 zum UNESCO-Welterbe gehört. In der norddeutschen Hansestadt gibt es außerdem monumentale Kirchen zu entdecken, den historischen alten Hafen sowie eine lange schwedische Geschichte. Wir haben außerdem das Glück, in der Stadt ein wunderbares Festival zu erleben. Etwas derartiges kannten wir bisher nicht einmal vom Hörensagen.
Das ist jetzt der dritte Versuch, einen Parzelle auf dem altstadtnahen Stellplatz in Wismar zu bekommen. Diesmal haben wir doppelt Glück: Wir bekommen einen (Longliner-)Platz und stellen uns hinten in die Ecke, wo tagsüber genug Schatten herrscht, so dass sich unser Pössl nicht so aufheizt.
Weil die Parzelle als einzelner Platz markiert ist, trauen sich die meisten der kürzeren Neuankömmlinge nicht, sich dazu zu stellen, selbst wenn der Stellplatz voll belegt ist. Zwei fragen nach, ob sie es (für eine Nacht!) dürften. Die anderen stellen sich einfach hin, wobei ich mich gerade beim Schreiben dieser Zeilen frage, wie bequem die im Bild vor uns eigentlich aus dem Kastenwagen ein- und aussteigen.
Die Altstadt von Wismar
St. Georgen: Kirche ohne (richtigen) Turm
Der damalige Bundespräsident Richard von Weizäcker hat nach der Wende Wismar besucht und beim Landeanflug im Hubschrauber muss ihm wohl was aufgefallen sein, denn beim Empfang durch Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken soll er gesagt haben: „Sagen Sie mal, sie haben da eine Kirche mit einem Kirchturm, der 150 Meter entfernt davon steht. Wie kann das sein?“
Der Stadtführer, der uns diese Anekdote erzählt, läßt uns mit des Rätsels Lösung nicht lange warten: Der Turm gehört zur Kirche St. Marien, dessen Langhaus und Chor im Krieg so beschädigt wurden, dass man alles bis auf den Turm beseitigte. Und die Kirche St. Georgen verlor das Gewölbe sowie die schützenden Dächer und überdauerte bis zur Wende als Ruine. Immer wieder hatte man noch zu DDR-Zeiten Schritte zum Wiederaufbau unternommen, war jedoch meist im Dickicht von einander widersprechenden Bestimmungen und nur mühsam kaschierten staatlichen Desinteresse buchstäblich stecken geblieben. Nach dem spektakulären Einsturz des hohen Nordgiebels während eines Sturms im Januar 1990 stand das Schicksal der Kirche unweigerlich auf der Tagesordnung. Man entschied sich für den Wiederaufbau. Hätte der Orkan nur ein Jahr eher gewütet, gäbe es dieses Denkmal wohl nicht mehr.
Wir haben ja schon einige große Kirchen gesehen, aber wo die gotischen Bauwerke wie etwa der Kölner Dom oder die Kathedrale in Rouen durch ihre Verzierungen an den Außenmauern quasi in den Himmel fließen, steht St. Georgen einfach nur wie ein riesiger Klotz aus Backsteinen im Weg. Und beim Betreten der Kirche kommt gleich die nächste ungewöhnliche Empfindung: das Gebäude ist leer. Die evangelische Kirche, so unser Stadtführer, hätte es wohl gerne gesehen, wenn der Bau nach der kostspieligen Erneuerung wieder in ihren Besitz gelangt wäre. Das ist nicht geschehen. Eigentümerin bleibt die Stadt Wismar, die den Raum zusammen mit der Kirche für Gottesdienste, Andachten sowie Konzerte und Kulturveranstaltungen nutzt. Und so etwas ähnliches wie ein Turm (mit Aussichtsplattform) ist ja mittlerweile auch wieder dran.
Mit St. Nicolai gibt es dann aber noch eine richtige Kirche zu besichtigen. Von 1381 bis 1487 als Kirche der Seefahrer und Fischer erbaut, gilt sie als Meisterwerk der Spätgotik im nordeuropäischen Raum.
Wasserkunst mit „Nixe und Nix“, auch „Adam und Eva“ oder „Frau- und Mannloch“ (weil früher das Wasser unter ihnen hinausfloß)
Und sonst? Der etwa 10.000 m² große Marktplatz gehört zwar zu den größten in Deutschland, sicher aber nicht zu den schönsten. Hier wie auch in den Hauptstraßen der Altstadt hält sich der Baumbestand in Grenzen, damit nichts die Sicht auf die prächtigen Giebel der Häuser ehemals wohlhabender Hanse-Kaufleute stört. Bäume, Sträucher und kleinere Grünflächen befinden sich eher in den Innenhöfen. Sehenswert ist auch das nicht mehr funktionsfähige Wasserschöpfwerk (Wasserkunst genannt) auf dem Platz.
Das Haus des ehemaligen Bürgermeisters Schabbel, in dem sich heute das sehenswerte Stadtmuseum befindet
Das Gewölbehaus in der Nähe des alten Hafens
Neben dem Marienkirchturm ist das Archidiakonatshaus das letzte mittelalterliche Bauwerk am Marien-kirchplatz.
Die ehemalige Stadtwache (heute Stadthaus und Tourist Information) mit dem markanten Gesims im englischen Tudorstil
Das klassizistische Rathaus
Eine Aufnahme vom Turm der Marienkirche über den Wismarer Marktplatz mit der Wasserkunst diente als Eröffnungsszene für den Schauplatz Wisborg im Film Nosferatu
Der alte Hafen
„Wenn du in Wismar bist, schaue dir unbedingt die alte Kogge im Hafen an.“ hat mir mein Freund Norbert empfohlen. Tja, die Poeler Kogge wurde leider wegen eines massiven Schädlings- und Pilzbefalls aus dem Verkehr gezogen. Auch wenn der Nachbau nicht wie erst angenommen eine Hansekogge zum Vorbild hatte – ich wäre gern mal mitgefahren. Ansonsten ist der Hafen ein schönes Gelände zum Flanieren oder zum Leutegucken von den Außenplätzen der umfangreichen und vielseitigen Gastronomie.
Alter Schwede: das älteste Bürgerhaus der Hansestadt.
Wenn du aus der Altstadt kommend zum alten Hafen gehst, dann kann du übrigens nicht nur rechts an den Fisch(brötchen)kuttern vorbei die „Promenade“ entlang laufen. Auch ein Bummel an das (nicht bewirtschaftete) Ende der linken Seite ist reizvoll (zum Beispiel während des Sonnenuntergangs).
Radtour nach Poel
Unsere erste Radtour führt ins 15 Kilometer entfernte Kirchdorf auf der Insel Poel. Die Strecke verläuft halbwegs über Radwege abseits der Straßen durch eine Landschaft, die gerade durch den Kontrast zwischen dem Blau, Goldgelb, Grün und den kleinen Farbtupfern recht stimmungsvoll daherkommt. Die Pferde auf den Weiden lockern dieses Stillleben etwas auf.
Um eine ruhige Haltung beim Fotografieren dieser Szenerie zu bekommen, stütze ich mich auf die oberste Stange eines Gatters und ... bekomme einen Schlag. Hinter der Stange kaum sichtbar verläuft ein Draht des Elektrozauns. Der Gaul hinten auf der Wiese hat schon eine Weile still gestanden und in meine Richtung geschaut. Ich wette, der hat nur darauf gewartet.
Wie immer hat mein Schatzi die Planung und Navigation gemacht – ich weiß nur, dass es auf eine Insel geht und erwarte eine Überquerung so ähnlich wie Fehmarnsund-Brücke. Tja, die Brücke ist weniger bemerkenswert – du merkst kaum, dass du schon drüber bist.
Der NDR schreibt über das Eiland: „Beschauliche Orte, lange Sandstrände und viel Natur – mit diesen Eigenschaften punktet die kleine Ostseeinsel Poel. Statt großer Hotelanlagen finden Urlauber dort vor allem Ruhe.“ Nicht nur das. Poel ist irgendwie aus der Zeit gefallen:
Am Markt machen wir unsere erste Rast und da ist ein Laden, der bei flüchtigem Hinsehen aussieht wie ein Café mit Touristen-Bedarf – der soll aber auch eine gute Auswahl an Schreibwaren, Büchern, Zeitschriften, Spielsachen, Porzellan, Taschen und Tüchern haben und ist außerdem Poststelle. Neben den Tischen auf der Terrasse lockt ein Schild mit der Aufschrift: „Jetzt einen Bohnenkaffee!“ Einzelne Angebote der Gastronomie im Hafen von Kirchdorf wecken Erinnerungen an eine vergangene Epoche. Vom ungewöhnlichen Kuchenangebot in der Inselbäckerei wird mich am Nachmittag ein exotischer Windbeutel verführen, der aber mit Schokoladenüberzug und extra Schicht Puderzucker dann doch zu mächtig für mich ist. Fühlt sich alles an wie eine kleine Zeitreise. Mal was anderes.
Und etwas Streetart gibt es auf dem Weg nach Poel auch. Ein Youtube-Video zeigt, wie es der Wismarer Christian Pursch (TEML-Designs) gemacht hat. Das lange Mural an der Gleisunterführung (ebenfalls in der Poeler Straße) oben im Titelbild hat Pursch mit Kollegen erschaffen (siehe Artikel in der Ostseezeitung).
Zierow
Wendorf Strand: Aus einer Google-Rezension: „Man kann hier wirklich sehr weit laufen ohne schwimmen zu müssen.“
Ein heißer Tag steht bevor und wir fragen uns, wo man hier in Wismar wenigsten mal die Füße ins Wasser stellen kann. Eine nahe Gelegenheit wäre zum Beispiel Wendorf Strand, von dem Google ein breites Bewertungsspektrum bereitstellt. Okay, das Wort Strand ist ja genauso vieldeutig. Jedenfalls sehen wir Leute, die ihre Decke am schmalen Küstenstreifen ausgebreitet haben und sich entweder sonnen oder im flach abfallenden Wasser spazieren gehen um sich abzukühlen. Eine Nachbarin auf dem Stellplatz wird uns später erzählen, dass sie letzteres nicht wieder ohne Wasserschuhe tun wird. Wer dagegen trockenen Fußes ins tiefere Wasser möchte, könnte die 350 Meter lange Seebrücke nutzen.
Wir fahren weiter nach Zierow, entdecken auf dem Weg dorthin viele kleine, teilweise versteckte Badestellen und landen schließlich am Eingang des kostenpflichtigen Strandbereichs. Der ist – wie an heißen Tagen zu erwarten – rappelvoll. Auch hier eignet sich das flach abfallende Wasser gut für Familien mit Kindern. 100 Meter daneben befindet sich ein Campingplatz mit Wohnmobilstellplatz davor. Für das leibliche Wohl stehen Imbiss, Restaurants und Café bereit. Statt Wassertreten kann man auch Minigolf spielen.
Wir beobachten eine rauhe Begegnung am Imbiss: Eine junge Frau hat sich vor mir in die lange Schlange an der Bude eingereiht. Die Gastwirtin arbeitet allein, nimmt 4 bis 6 Bestellungen auf und arbeitet die dann in Ruhe ab. Als ich dran komme bestellt die Vordränglerin. Auf meine Bemerkung, dass wir jetzt wohl dran seien, antwortet sie: „Ohh, das habe ich nicht gesehen.“ Die Wirtin reagiert schnell und gibt ihr mit Worten und eindruckvoller Gestik zu verstehen, dass sie wohl keine Augen im Kopf hätte. Der kurze Disput endet mit einem „Und tschüß“ der resoluten Köchin und das arme Ding muss ohne Essen abziehen.
Auf dem Rückweg nach Wismar gönnen wir uns als Nachtisch noch eine Abkühlung „Anne Ecke“. Der Eisbecher ist okay, die Toilette im Häuschen davor – normalerweise ja keine Sehenswürdigkeit – schon außergewöhnlich.
Von dort, wo ich bin
Manchmal führt uns das Leben auf steile oder abgelegene Pfade. Sind wir bereit, diesen Wegen zu vertrauen und zu akzeptieren, wohin sie uns führen?
In „De là où je suis“ (Von dort, wo ich bin) untersuchen Régis Tsoumbou Bakana und Lucie Retail die Widerständigkeit in Krisenzeiten. Wie können wir unsere inneren Bremsklötze lösen und uns für das engagieren, für das es sich zu kämpfen lohnt?
Aus dem Programmflyer des Festivals
BOULEV•ART
Das ist für uns zweifellos der bewegendste Akt des 15. internationalen Straßentheaterfestes Boule•vart in Wismar: Das Duo DK-Bel aus Belgien präsentiert das ausdrucksstarke Stück „De là où je suis“. Die Darsteller Régis Tsoumbou Bakana – der die blutigen Umbrüche in Burkina Faso erlebte – und Lucie Retail, die 2023 nach einer schweren Malaria alle vier Gliedmaßen verlor, verarbeiten in dieser intensiven Performance ihre tiefen persönlichen Schicksalsschläge. Getragen von einer enormen Lebenslust entsteht im gemeinsamen Tanz eine Vision vom Leben und die berührende Geschichte, wie aus einem „Ich“ ein starkes „Wir“ wird.
Ich traue mich nicht, während der Vorstellung zu fotografieren. Einen kleinen Eindruck von der Performance bekommst du mit diesem Video auf Youtube. Auf der Straße sieht das dann so aus: DK-BEL in Ludwigshafen
Genauso grossartig sind Les Quat’fers en l’air mit ihrem Programm Gravir. Die Show der beiden Athletinnen Garance Hubert-Samson und Gabi Chitescu ist am ehesten vergleichbar mit der von Trapez-Akrobatik im Zirkus – nur ohne Trapez, dafür aber mit viel Komik an einer "Kletterpyramide". Das kann man sich auch bei Youtube ansehen, aber live, Auge in Auge und im Publikum kommen solche Shows wie auch die von DK-Bel natürlich viel intensiver rüber.
Wir sind zufällig auf das Straßentheaterfest gestossen. Donnerstag abend habe ich die gerade aufgebauten Bühnen auf dem Marktplatz gesehen und am Freitag haben wir uns gedacht: "Können ja mal schauen was da los ist." So sind wir in das Eröffnungskonzert der Gruppe The Living Music Box geraten. Die Band spielt Coverversionen von Songs aus den 60ern bis heute. Und das machen die Truppe um Carsten Schnathorst richtig gut und strahlt dabei solch eine ansteckende Lebensfreude aus – das ist unglaublich.
Erst nachdem wir ein paar Songs gehört und gesehen haben, dämmert es uns. Ist das eine inklusive Band? Tatsächlich. Der Pianist und Sänger Schnathorst ist blind – genauso wie eine der Sängerinnen (siehe auch dieses Youtube-Video der evangelischen Zeitung). BOULEV•ART ist ausdrücklich ein inklusives Festival, veranstaltet von der Lebenshilfe Kunst und Kultur gGmbH zusammen mit der Stadt Wismar. Alle Künstler treten umsonst auf und die Spenden gehen an die Lebenshilfe. Grossartig.
Marianne und ich haben uns neben diesen drei Vorstellungen nur noch das Abschlußkonzert der Gruppe Beez angesehen, was mir aber vom Musikstil her nicht so gefiel. Wir wollten auch nicht jede Darbietung sehen, um den starken Eindruck dessen was wir gesehen haben nicht durch Reizüberflutung zu verwässern. Wismar war toll.























